gespraechsrunde

[jpg] Der Krankenwagen stand noch vor der Tür, als der Notarzt mir sagte, er könne nichts mehr machen. Herzinfarkt war die Todesursache, die er dann auch notierte. Robert, Robert Finke*, Finke nur mit einem K, so beantwortet ich fast abwesend dem fragenden Notarzt, als dieser die Papiere fertig machte. Mein Name ist Vanessa Finke*, die Ehefrau, ergänzte ich die geforderten Angaben. Und ja, er ist nur 52 Jahre alt geworden, sagte ich als der Arzt mich fragte.
Ich war wütend. Robert hatte mich einfach so mir nichts dir nichts verlassen. Er hat mir nie was gesagt und wir hatten doch noch so viel vor.

Als mein Mann beerdigt war, saßen meine Eltern noch etwas mit mir in unserem Wohnzimmer. „Sollen wir noch etwas bleiben?“, fragte meine Mutter mich. „Ja bitte, bis zum Sonntag, wenn es geht“. „Was willst Du jetzt machen“?
Ich stürzte aus dem Zimmer, lief in das Schlafzimmer, unser Schlafzimmer, schmiss mich auf das Bett und weinte in das Kissen. Ich weinte um mich selber, denn ich fühlte mich verlassen, verraten, plötzlich und ohne Vorwarnung. Mich, wo ich doch immer alles im Griff hatte, traf es so unvorbereitet. Auf alles war ich vorbereitet, nur nicht auf das. Nie wieder wollte ich durch das jähe Lebensende eines Angehörigen, Freundes oder Bekannten überrascht werden, so dachte ich. Ich wußte nicht, wie ich mit diesem Schmerz fertig werden sollte.
Mehrere Tage später brachte mich eine Freundin auf den Gedanken, mich mit einem Hospizverein in Verbindung zu setzen. Zufall? Nein, so spielen die Dinge halt eben.

Nachdem ich einen Termin bei einem Hospizverein in der Nähe bekommen hatte, fieberte ich auf dieses Gespräch hin. Eine Dame des Hospizvereins setzte sich mit mir zu einem Gespräch in einen Raum, und, nachdem ich ihr meine Geschichte erzählte, bot sie mir ohne Umschweife eine Ausbildung als ehrenamtliche Hospizhelferin an. Das ging schnell, vielleicht zu schnell. Aber ich wollte da durch, ich wollte diesen Bereich des Lebens unbedingt kennen lernen. Ein kurzes Telefongespräch und Frau Scheller, so hieß die Dame des Hospizvereins, hatte mich für einen Grund- und Aufbaukurs angemeldet. Aus dem Gespräch mit Frau Scheller wurde ich mir meiner eigenen Angst vor dem Sterben bewußt, dieser Angst wollte ich entgegentreten. Ich war gespannt wie diese Kurse vonstatten gehen würden. Es war ein zwiespältiges Gefühl was mich am ersten Tag der Schulung begleitete.

9 Teilnehmer saßen in einem Stuhlkreis, geleitet wurde dieser Kurs von Manfred Zilinski der uns ziemlich bedrängte, indem er keine Oberflächlichkeit in den Gesprächen zu ließ. Wir lernten uns zu berühren, wie miteinander reden und zuhören, schweigen und zu beobachten. Wir redeten sehr viel über uns, über unsere Verluste die wir hinnehmen mussten, bemerken wie wir diese Verluste noch nicht verarbeitet haben. Es war eine Reise mit unserem eigenen Ich.

Wir lernten:
Auf den anderen eingehen, es ist schwer im richtigen Moment zu schweigen oder etwas zu sagen. Nichts als gut oder böse einzuordnen, also nicht werten, sondern einfach hinzunehmen. Und nicht sich vor dem anderen zu verstecken, ehrlich und wahrhaftig zu sein. Manchmal floßen auch Tränen, wenn etwas schon verschüttet geglaubtes hervorbrach. Es ist mehr ein Kurs über sich selber, ich lernte mich ungeschminkt zu betrachten.

Nach 6 Wochen Kurs bin ich eine andere, bin klarer aber auch stärker geworden. Was ich sage, ist das was ich auch meine, ohne Verstellung.
Ich treffe mich wieder mit Frau Scheller, Ines Scheller, die Koordinatorin des Hospizdienstes. Sie betrachtet mich eingehend, so, als wenn sie in mich hineinsehen will, während ich von meinem Kurs erzähle. Ja, so sagt sie, sie könnten eine gute Hospizbegleiterin werden. Sie ruhen jetzt und bieten Halt, etwas was die Menschen von einer Begleiterin erwarten. Soll ich, dich (Wir duzen uns jetzt) mit einem jungen Mädchen bekannt machen, welches solch eine  Begleiterin benötigt? Ein kurzes Überlegen von mir: schaffe ich das? Ja, höre ich mich sagen.
Ich weiß noch, es war ein milder Herbsttag, ein sogenannter „Goldener Herbsttag“, ein Tag an dem die Natur mit allen ihren Farben den Sommer vergessen lässt. Ein Tag, der nicht besser sein konnte um eine neue Bekanntschaft zu schließen. Ich hatte mir alles wichtige, Adresse, Familienangehörige, die Krankheit mit Verlauf, über Karin auf geschrieben, war aber auf Überraschungen eingestellt. Karin wohnte mitten in der Stadt, einer Kleinstadt von rund 40.000 Einwohnern.

Ich klingelte und ging in den ersten Stock wo die Familie Kramer wohnte. Es war ein stiller aber auch herzlicher Empfang, alle saßen im Wohnzimmer und es schien so, als wenn man wie auf ein weiteres Familienmitglied gewartet hätte. Ich verspürte das Gefühl des angenommen sein in mir. Wir saßen um einen Couchtisch und schwiegen, was mich etwas irritierte. Denn ich hatte gelernt eine Kommunikation in Gang zu bringen – Kommunikation als das A und O der Begleitung. So hörte ich mich etwas mehr belangloses sagen, wobei ich einen Dialog nicht zustande brachte. Aber hatte ich nicht gelernt, dass auch das Schweigen manchmal einen Zugang darstellt? Karin schaute mir dabei in die Augen, ich lächelte sie an, so als wenn ich sagen wollte, he, wir gehören zusammen – irgendwie. Sie lächelte zurück: ja, ich denke wir kommen gut miteinander aus. Karin und ich haben schweigend zueinander gefunden. Wir haben uns angenommen.

Nachdem der Vater eine Kanne Kaffee mit Tassen, Zucker und Milch auf den Couchtisch gestellt hatte, schenke sich jeder erst eine Tasse ein. Unkonventionell. Ich hörte das quietschende Geräusch der Kaffeelöffel die über den Boden der Tassen gerührt wurden. Ich stellte mich der Familie vor: Ich bin Rechtsanwältin für Zivilrecht und habe meinen Mann vor nicht allzu langer Zeit verloren, ich meine er ist an einem Herzinfarkt gestorben. Ich erzählte ihnen, dass mein Mann und ich noch so viel erleben wollten, aber das geht ja jetzt nicht mehr. Und ich erzählte von meinen Träumen in denen noch immer mein Mann vorkam.
Karin fing an von ihren Träumen zu erzählen, sie erzählte vom Rafting auf dem Colorado River in den USA – letztens habe sie im Fernsehen einen Film darüber gesehen. Man könne ja erst einmal auf der Ruhr anfangen, meinte sie dann. Ich strahlte sie an, ich bin dabei. Sie strahlte zurück und ich merkte wie wir uns näher kamen. Sie lächelte mich an.

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Jürgen Gerhardt für Kulturgarten NRW